Das alljährliche Treffen der Freunde von lässigen Begrüßungsfloskeln

Das alljährliche Treffen der Freunde von lässigen Begrüßungsfloskeln

Reges Treiben in Konferenzraum 518 des Hotels „Zum fröhlichen Löwen“, irgendwo abseits der A57. Rund fünfunddreißig zumeist älterere Personen sind erschienen und warten gespannt, welche neuen Trends im Begrüßungssektor sich wohl in den vergangenen Monaten aufgetan haben. Wie steht es beispielsweise um das „Hallihallo“? Ist das etwas förmliche „Guten Tag!“ noch ein Thema? Wird man in Zukunft endlich „Hallöchen Popöchen!“ sagen können, ohne dass der Gesprächspartner gleich Reißaus nimmt? Vielen stehen Anspannung, aber auch Vorfreude ins Gesicht geschrieben. Kleine Tische, große Erwartungen. Wild aufgeregt wuseln die Tagungsteilnehmer herum wie kleine Kinder um einen noch geschlossenen Eiswagen. Ein herrliches Treiben und sich Treiben lassen. Nur allein oder eben unter Gleichgesinnten bewegen sich die Menschen in einer wirklich flüssigen, vernünftigen Bewegung, das Gegenstück dazu lässt sich in sämtlichen deutschen Fußgängerzonen entdecken.

Auffallend viele Herren im Raum tragen vermutlich nicht ironisch gemeinte Schnauzbärte und Rauten-Pullunder, die meisten jedoch sind dem Anlass angemessen gekleidet. Eine junge Besucherin verschwindet kurz auf der Damen-Toilette, um sich ein freches T-Shirt mit dem aufgedruckten Spruch „Sich richtig lässig begrüßen? Aber Hallo!“ überzuziehen. Obskure Hobbys sind dann am Schönsten, wenn man sich nicht für sie schämt. Da es bekanntlich unmöglich ist, einen Wasserspender zu ignorieren, herrscht hier ein besonders dichtes Gedränge. Plastikbecher um Plastikbecher wird befüllt, still natürlich, bloß Augenkontakte. Mit Phonetik hält man sich vornehm und protokollkonform zurück, bis Tagespunkt 1 des alljährlichen Treffens der Freunde von lässigen Begrüßungsfloskeln erreicht ist: die Begrüßung.

Noch ist es nicht soweit, wie auch Bernd Frömmelmann bei einem Blick auf seine Armbanduhr feststellen muss. Bernd Frömmelmann ist das, was man bisweilen eine Szenengröße nennt. Ehrenvorsitzender, Profi-Begrüßer, Guten Tach-Legende, Hallöchen-Papst, Grüß Gott-Gott. Er begrüßte Mitmenschen schon dann lässig, als die meisten Anwesenden noch schreiend und pupsend in Gespräche eingestiegen sind. Vor fünf Jahren hatte Bernd eine kleine Revolution ausgelöst, als er dem Auditorium eine eigene, gänzlich neue Grußformel präsentiert hatte: „Frohes Huhu!“. Die Fachgrüßer waren sich einig: Hier wurde Begrüßungsgeschichte geschrieben. Frohes Huhu! Freundlich und fast gratulierend, ein Dialogeinstieg so herrlich wie ein Stück Marmorkuchen oder auf frisch aufgepumpten Fahrradreifen durch die Gegend radeln, aber durch das eher zurückhaltende „Huhu“ eben auch ein wenig lauernd und fordernd; ideal für Nachrichtensprecher, Pizzalieferanten und Bürokollegen gleichermaßen. Leider fand „Frohes Huhu“ bis heute aus Versehen keinen Platz im aktiven Sprachgebrauch der Allgemeinheit.

Hoffnung gibt die Zeit. Schließlich hatte schon das – wie wenige wissen – bereits in den Fünfzigerjahren erdachte „Ey yo, was geht ab?“ lange gebraucht, bis es dank einiger dieser sehr, sehr schnell sprechenden Sprachmusiker in Umlauf gebracht worden war. Eine ähnliche Entwicklung würde man beim frohen Huhu auch, nun ja, begrüßen. (Verzeihung.)

Doch dann: Tatsächlich! Nach viel freudlosem Gucken, Schlürfen und Warten: Bernds Armbanduhr zeigt zwölf Uhr an! Tagesordnungspunkt 1! Begrüßung! Obacht, es beginnt:

„Guten Tach!“
„Ach, du hier und nicht in Hollywood?“
„Lange nicht gesehen!“
„Glück auf!“
„Na, wen haben wir denn da?“
„Grüß Gott!“
„Moinsen!“
„Hallöchen Popöchen!“
„Alles lose in der Hose?“
„Bonjour!“
„Na, sieh mal einer an!“
„Huhu, naaaa?“
„Gut Pfad!“ (sagen Pfadfinder wohl, was für die ganz Ausgefuchsten.)
„Naaa, wie geht’s, wie steht’s?“
„Bussi bussi!“
„Frohes Huhu!“ (Natürlich!)
„Hi.“
„Aloha!“
„Kuckuck!“
„Schönes Hemd, gibt es das auch in Ihrer Größe?“
„Grüß grüß!“
„Ahoi, Matrose!“
„Mahlzeit!“
„Na, das ist ja eine Überraschung!“
„Heiiidiiihooo!“
„Salut!“
„Alles Roger in Kambodscha?“
„Alles in Butter auffm Kutter?“
„Schalömchen!“
„Gott zum Gruße!“
„Ey yo, was geht ab?“ (Hehe, ein Klassiker!)
„Wohin des Weges?“
„Hallöle!“
„Hallihallöle!“
„Sei gegrüßt!“
„Grüzi mitenand!“
„Spielst du eigentlich noch Gitarre?“
„Öfter hier?“
„Willkommen zu diesem Gespräch!“
„Moin, moin!“
„Servus!“
„Habe die Ehre!“

Dann: Stille. Pulver verschossen. Ratlos schweigend schauen sich die Teilnehmer um. Die ersten wenden sich leise wieder dem Wasserspender zu. Aus einer Ecke hört man den Ehrenvorsitzenden Bernd Frömmelmann murmeln: „Hm, die Begrüßungen sind immer der spannendste Teil.“

 

(verfasst am 03.04.2015)

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