Das ganze Geheimnis

Das ganze Geheimnis

Wir lagen im Bett, sahen fern und rauchten Zigarette um Zigarette. Da der Aschenbecher recht unsicher auf meinem Bauch lag vermieden wir es, allzu amüsantes Programm zu schauen. So blieben wir bei einer nächtlichen Wiederholung von „Verstehen Sie Spaß?“ auf einem dritten Programm hängen. Nervös verlor sich dort ein älterer Herr in der viel zu großen Kulisse; neben den Geheimratsecken wucherten ein paar einsame, graue Haare auf seinem Kopf herum. Er trug großväterliche Mittelschichtsklamotten, von denen ich noch nicht einmal weiß, wo man sie erwerben könnte. Dem Publikum wurde er als Religionslehrer vorgestellt. Dann erzählte er einen Ostfriesenwitz. Pointe, höfliches Schmunzeln, Applaus, Abgang, Schnitt. Supergeil, supergeil. Ich realisierte: Selbst diese Aufzeichnung hatten jetzt wahrscheinlich mehr Menschen gesehen als mich in meiner gesamten dreieinhalbjährigen Bühnenkarriere zusammen. Superungeil. „Das hättest du besser gekonnt“, sagte sie müde neben mir liegend mit einer seltsamen Mischung aus Stolz und Enttäuschung in der Stimme. Ich sagte nichts und hätte sie umarmt, wäre da nicht dieser Aschenbecher gewesen. Es sind die kleinen Dinge, an denen kleine Dinge scheitern. Ich grummelte bloß und aschte meine Zigarette ab. „Mach mal die Kippe aus“, sagte sie. Ich tat’s. „Und jetzt Fernsehen aus“. Ich schaltete das Gerät ab. „Und was soll ich jetzt beenden“, frug ich launig, „unsere Beziehung?“ Sie schwieg, als sie hätte lachen sollen. Ich stellte den Aschenbecher neben das Bett, gab ihr einen Kuss auf den Hinterkopf und wir schliefen ein. Sensible Themen ansprechen ist nicht so meins. Das hätten andere besser gekonnt, dachte ich.

In der folgenden Nacht schlief ich nicht besonders gut. In meinen Träumen kuschelte sie sich an den hellgrauen Pullunder des Religionslehrers heran. Los, erzähl mir nochmal den Ostfriesenwitz, bat sie. Er sagte ihn auf, wieder und wieder, und sie lachte jedes Mal lauter und lauter. Sie sieht schön aus, wenn sie lacht. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag sie bereits rauchend neben mir. Wir rauchen tatsächlich recht viel. Wie ich geschlafen hätte, frug sie. Gut, sagte ich. Hör mal, sagte sie, so geht das nicht weiter. Ich weiß, sagte ich. Aber vielleicht würde mich ja mal jemand zufällig entdecken und dann könnte man mich nachts um drei zufällig im mitteldeutschen Rundfunk entdecken und so weiter und so weiter! Das meinte ich nicht, sagte sie. Ich weiß, sagte ich. Dann schwieg ich, als ich hätte reden sollen. Manchmal sind es die kleinen Dinge, an denen große scheitern. Hinterher war ich nicht nur schlauer, sondern auch: allein. Und neben mir lag von nun an nur noch der Aschenbecher. Rauchen, trinken, weinen; Reihenfolge austauschbar, selten Schlaf. Da können sich öffentlich-rechtliche Samstagabendshows noch so viel Mühe geben, der größte Witz ist das Leben an sich. Herrje, wie so ein Satz klingt. Broken hearts are for assholes, sang Frank Zappa einst, aber ich hörte nur noch Elliott Smith. I don’t think I’m ever gonna figure it out. Ich wurde mir selbst unsympathisch. Ich hasste mich, ich hasste die Wolken, den Wind, die Zukunft, ich hasste die Ungewissheit und meine Trägheit, ich hasste die alte Dame in meinem Stammkiosk, weil sie auch beim siebenhundertvierzehnten Kippenkauf meinen Ausweis sehen wollte. Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, verdammt! Verdammt, ich bin zweiundzwanzig Jahre alt. Da haben andere Leute ganz Anderes erlebt. Nur, was genau?

Einige Tage später lerne ich im Zug einen Obdachlosen kennen. Eine mittelalte, kleine Gestalt, vielleicht ein Meter sechzig, wenige Kilos, viel Haar. Er führe quer durchs Land von Stadt zu Stadt, er dürfe nur für drei Tage im selben Ort bleiben, dann würde man ihn verscheuchen. Selbst aus Paderborn. Mitten im Leben hätte er mal gestanden, Beruf und Geld, Familie und Haus, Zukunft und Glück. Dann wäre eine unschöne, teure Scheidung gekommen und nun ist es eben, wie es ist. Gut noch erinnere er sich an die letzten Worte seiner Frau an ihn: „Als Gott den Mann erschuf, hat sie sich geirrt.“ Wir lachten, als wir hätten – nein, wir lachten zurecht. Was ich so mache, fragt er mich. Nun, ich schreibe gern Geschichten. Oh, ich erlebe lieber welche, sagt er und kratzt sich am Dreihunderttagebart. 1:0 für ihn, vielleicht auch 2:0.  Er schliefe häufig auf Friedhöfen, tote Menschen seien weit weniger gruselig als lebendige. Nur einmal, da hätte ihn ein Hund nachts angepinkelt. „Ich bin doch kein Revier, das man markieren muss, ich bin doch bloß der Ede!“, sagte er lachend. Ede, guter Name, guter Mann. Ob er einen Witz hören wolle? Er wollte. „Warum können Ostfriesen keine Eiswürfel machen? Die Frau, die das Rezept hatte, ist letztes Jahr gestorben.“ Wir lachten gemeinsam bis Soest, obwohl wir beide wussten, dass der Witz ziemlich bescheiden war. Und das ist, glaube ich, das ganze Geheimnis. 

 

(geschrieben am 06.03.2014)

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