Das ständige Auf- und Abgeben

Das ständige Auf- und Abgeben

Und dann steht er da wieder krumm in der Seitengasse. Sein Raglanmantel schleift leicht über den Boden, der Schleier vor seinem Gesicht lässt wahrscheinlich nur einen Blick auf meine Schuhe zu. Wie er mich erkannt haben will, entzieht sich meiner Kenntnis, aber an ihm komme ich mal wieder nicht vorbei. Er hält mir ein Lederportmonee hin. Sein tägliches Sammeln. Ich muss wieder Lehrgeld zahlen.

„Nun denn, was haste dir heute wieder geleistet, du Hallodri?“, fragt er mich. In seiner Stimme schwingt der Glanz der Gier mit. Ich wünschte, der Regen auf meinen Schultern wäre Konfetti und seine Frage hätte einen amüsanten Unterton, doch nur selten spielt die Musik wie gewünscht. Moll, immer nur Moll. Trabajo si – Siesta no. „Das Übliche:“, antworte ich, „hier und da ein kleiner Verstoß gegen die gesellschaftlichen Konventionen, gegen Mittag ein wenig Unwissenheit kombiniert mit fehlendem Talent. Hier.“ Ich reiche ihm ein Blatt Papier mit diversen Anmerkungen, recht detailliert mit Uhrzeitangaben und allem Pipapo. Er greift meine Liste an sich wie einen Schatz, hält sie sehr tief vor seinen Bauch und mustert sie fleißig. „Du hast also wieder verkackt.“ „Richtig.“

Er freut sich, ich bin ein guter, zuverlässiger Kunde. Mit mir Geschäfte zu machen ist recht einfach, schließlich zahle ich bedeutend mehr Lehrgeld als Miete. Klüger soll man dadurch werden. Reifer auch. Aus Fehlern lernt man und zudem nie aus. Mit diesen Weisheiten lebt es sich bisweilen recht forsch und genügsam. Aber eben nur bisweilen. Denn was, wenn man dann da sitzt, umzingelt von den roten Zahlen und die gemütliche Farbenblindheit schützt nicht mehr? Wenn man realisiert: Huch, da sind ja nicht nur schwarze Zahlen? Das ist ja alles rot? Die Mängelrüge des Verstandes. Niemand ist perfekt und erst recht nicht die eigene Wahrnehmung. Selbstvertrauen ist gut, Selbstmisstrauen ist besser?

Wenn ich ehrlich zu mir bin, muss ich feststellen, dass ich weit weniger kann als ich könnte, mehr muss als ich müsste und weniger bin als ich es in vielen Momenten wahrhaben will. Vielleicht ergeht es anderen auch so. Was ist mit uns passiert, wann ist „Durchschnitt“ ein Schimpfwort geworden? Beleidigungen wie Hurenhydrant, Schleusenfrosch oder Furzhaubitze  kann ich ja noch nachvollziehen. Wo aber liegt das Problem des Durchschnitts? Es ist die Sucht nach dem Superlativ. Sie treibt uns an wie die Möhre den Esel. Ein Leben lang rennen, schwitzen, gewinnen wollen. Doch aus dem falschen Blickwinkel erscheint auch der schnellste 100 Meter-Läufer langsam, doch darüber sehen wir hinweg. Eine Medaille hat nur noch eine Seite, vor allem aber sechs Milliarden, neunhundertneunundneunzig Millionen, neunhundertneunundneunzigtausendneunhundertundneunundneunzig Neider. Schuld daran ist das 21. Jahrhundert.

Es ist das Jahrhundert der Fehler. Nie waren Fehler so präsent und geil. Wer nicht der Norm entspricht und langsamer, tiefer, kürzer ist, wird mit dem kollektiven Zeigefinger verhöhnt. „Schaut, der Unvollkommene!“, blökt die Herde allerorts und amüsiert sich, weil da jemand auf das gute, alte Humpeln nicht verzichtet hat. Die Zeiten, in denen Makel-Männer und Fehler-Frauen lediglich durchs Dorf gejagt wurden, sind offenkundig vorbei. Das alte Lied mit den Worten „Massenmedien“ und „Leistungsgesellschaft“ im Refrain; dieser gemeine Ohrwurm, den wir nicht wegbekommen, so sehr sich kleine, poppige Hüpftanten aus Amerika auch bemühen. Immer dieses Lied, immer Moll, immer nur Moll. Und dann glotzen wir neidisch auf die, die an der Möhre mümmeln dürfen und zahlen weiter fleißig in die Lehrgeld-Kasse ein. Unschöne Scheiße.

Ich fühle mich schlecht, unvollkommen, pleite. Ich könnte doch mehr sein! Irgendwann habe ich verlernt, mit weniger zufrieden zu sein. Kein Frieden ohne Krieg, so funktionieren wir scheinbar nicht. Der Mensch ist ein Arschloch und was früher die Pest war, sind heute die Flausen in unseren Köpfen. Der verdammte Kuchen schmeckt wohl zu gut, als dass wir auf ein Stück von ihm verzichten könnten. Dass wir Idioten sind, wissen wir wahrscheinlich selbst, aber warum stattdessen wieder Niemand sein? Ziele sind ja okay, aber Wege wären besser. Aber: Was schreibe ich hier eigentlich wieder für einen Mist zusammen? Ich misstraue mir selbst. Bin ich krank oder gesund, klug oder dumm, du oder ich? Ich möchte nicht so sein wie du. Niemand sollte du sein wollen. Niemand sollte irgendwer sein wollen. Einfach sein ist gar nicht so einfach.

Und er? Er wartet wie üblich auf mein Lehrgeld. In seinem Raglanmantel und mit seinem Schleier wirkt er wie der böse Mann. „Was ist denn nun? Zahl oder stirb!“, faucht er mir an wie eine Wildkatze, die in der Manege durch brennende Reifen springt, weil sie es kann. Ich überlege. Täglich fängt er mich ab, lässt sich meine Mängel vergüten. Was hat er davon? Was habe ich davon? Ich antworte ihm: „Nein. Nö. Fick dich. Wenn ich etwas falsch mache, muss ich das mit mir selbst regeln. Nicht mit dir.“ Und gehe davon. Mal sehen, was morgen ist.

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