Freiheit für Grönland, nieder mit dem Packeis!

Freiheit für Grönland, nieder mit dem Packeis!

Peter schritt zum Wasserhahn und verdünnte seinen Apfelsaft im Verhältnis 1:1. Er setzte sich betont gerade an seinen Schreibtisch, betrachtete sein nach dem Alphabet geordnetes Bücherregal und dachte: Meine Güte, was bist du nur für ein öder Haufen Mensch! Man staunt: Er war sich seiner spießigen Durchschnittlichkeit erstmals bewusst und zugleich überdrüssig geworden. Angestrengt dachte er darüber nach, wann er das letzte Mal wirklich verrückt gewesen war. Auf der Klassenfahrt nach Fötenhausen hatte er der blonden Stefanie Frömmelmann aus der 8b mal unters T-Shirt fassen dürfen. Das war ganz schön frech! Das war aber auch dreiundzwanzig Jahre her. Genügsam war er immer gewesen, nett, unscheinbar. Wenn ihm etwas misslang, sagte er: „Sch…eibenkleister!“. Preise im Supermarkt vergleichen bezeichnete er als ausgefallene Freizeitbeschäftigung. Bei Geburtstagen trug er gern gefällige selbstverfasste, aufs Geburtstagskind gemünzte Gedichte vor: Uns’re Erika wird heut‘ vierzig Jahr / das finden wir ganz wunderbar / da brauchen wir nicht scherzen / wir gratulieren dir von Herzen.

Dramatisierend könnte man behaupten: Peter ist ein Mensch, den viele mögen, aber niemand liebt. Das wollte er nun ändern. Ähnlich wie ein pubertierender Zweikäsehoch, der sich vornimmt, einer hippen Subkultur anzugehören, pochte Peter auf etwas, das er bislang nicht kannte: Veränderung. Unordnung. Er bereute, nie etwas bereut zu haben. Spießer sein war kein Problem. Mit sich selbst nicht zufrieden sein war eines. Aber, wo beginnen? Er stand auf, schob den Schreibtisch beiseite und begann, Bücher aus dem Regal zu nehmen und ihnen kichernd neue Plätze zuzuweisen. Hermann Hesse fand sich nun nicht mehr zwischen Hegel und Hesselbacher, sondern neben Schiller wieder. Wie keck, höhö! „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne!“, dachte Peter. Es klingelte dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz. Ah, das musste Erika sein, schlussfolgerte Peter, der jedem Bekannten eine Klingelmelodie zugewiesen hatte. Überraschungen hasste er mindestens so sehr wie nicht angeleinte Hunde, Autoscooter oder wenn jemand ungebügelte Hemden trug.

Und Erika bekam das SOS-Signal zugeteilt, da sie Peters einzige weibliche Bekannte war und er in ihrer Anwesenheit stets etwas unbeholfen und nervös wurde. Schließlich war sie, nun ja, eine Frau eben. Sie kannten sich von der gemeinsamen Arbeit in der Stadtverwaltung und manchmal spielten sie Gesellschaftsspiele zusammen oder machten einen DVD-Abend. Und sie sahen sich dann tatsächlich nur Filme an, was beiden missfiel. Aber Erika wartete auf Peters ersten Schritt und Peter auf Mut. Bislang zumindest. Schwungvoll öffnete der neue Peter die Tür: „Hey, Erika, na, was liegt an?“ Sie reagierte vernünftig mit stiller Verwunderung auf diese ungewohnte, dusselige Begrüßung, trat ein und setzte sich auf die Couch. Dann wurde ihr die Situation langsam bewusst: „Du, Peter, es ist der dritte Mittwoch des Monats, für heute ist Rummikub angesetzt, warum ist das Spiel noch nicht aufgebaut, hast du es etwa vergessen?“ „Ach was!“, sagte Peter, „Rummikub liegt doch gar nicht mehr im Trend bei den Kids! Lass uns doch mal was Verrücktes machen, wegfahren oder so! Komm, wir lassen einfach alles stehen oder liegen, je nachdem!“

So kannte sie, nein, so kannten sie ihn genaugenommen beide nicht. „Peterchen, was ist denn los mit dir?“, frug Erika. „Nee, Erika, Gegenfrage: Was ist denn los mit dir?“ Dass sie soeben den Rapper Kollegah zitiert hatten, geschah unbewusst, aber Peter hätte es gefallen. Er gefiel sich in seiner Rolle als jugendlicher Rebell, oder was er darunter verstand. „Immer machen wir das gleiche langweilige Gedöns, das fetzt einfach nicht! Das ist nicht groovy, das ist doch alles Sch…Scheiße!“, redete sich Peter zitternd in Rage. Erika missverstand ihn: „Ich bin dir zu alt, gib’s doch zu! Jetzt mit vierzig bin ich dir zu alt, stimmt’s? Sag schon!“ „Nein, nein, das ist doch Kokolores!“, erklärte Peter, „Es ist jetzt nur mal Zeit für eine Veränderung, Erika, wir müssen mal spontan sein, verrückt sein!“ Um seinen Worten Ausdruck zu verleihen trank er ein unverdünntes Glas Apfelsaft auf ex, obwohl ihn davor schon seine Großmutter immer gewarnt hatte. All der Zucker! Erika wusste nicht, wie darauf nun zu reagieren wäre. Offensichtlich war er verrückt geworden. Vielleicht würde er ihr ja gleich ganz schön frech unters T-Shirts greifen? Ein wenig hoffte sie ja darauf.

Doch stattdessen sackte Peter uncool in sich zusammen, Zucker und sein neues Ich hatten ihm zu schaffen gemacht. Er schluchzte und wimmerte. In seinem Rücken griff Erika nach dem Rummikub-Spiel und baute es wie gewohnt auf. „So! Ich weiß nicht, was mit dir los ist, aber wir spielen jetzt! So wie immer!“ Wenig souverän wuchtete Peter sich wieder in eine einigermaßen aufrechte Position und setzte sich geknickt zu ihr an den Tisch. „Ich mag nicht mehr gemocht werden, Erika.“, sagte er. „Sondern geliebt?“, frug Erika. „Schon, irgendwie.“ „Lass uns erstmal eine Runde spielen. Hier, ich fange an.“ Er holte sich ein weiteres Glas Apfelsaft, ging zum Wasserhahn und verdünnte es sich im Verhältnis 1:1.

 

(verfasst am 03.08.2014)

2 Kommentare

  1. janbuehlbecker sagt:

    Die mag ich. Freue mich drauf, sie live zu hören!

  2. Irgendwie finde ich das seltsam. Da schreibt mensch dann unter eine Kurzgeschichte wie die „Finde ich gut!“, was ich auch hier tue und dann frage ich mich: „Was bedeutet dem Johannes wohl so ein Kommentar.“ Find ich gut. Sagt ja nicht viel aus, außer, dass die Geschichte irgendwem gefällt. Und das wird sie dir ja selber auch irgendwie, sonst hätte sie wohl kaum den Weg ins offene Internet geschafft.

    Was schreibe ich jetzt also, was über „Find ich gut“ liegt, aber diesen Tatbestand einfängt?

    Johannes, deine Kurzgeschichte gefällt mir, weil sie diesen typischen Johannes-Stil hat, denn du im Laufe deiner Zeit ausgeprägt und aufgebaut hast, mit einem schelmischen und leicht besserwisserischem Erzähler. Das ist ein sehr guter Stil und macht es mir immer sehr leicht, deine Sachen zu mögen.

    So. Vielleicht ist das mal ein besserer Kommentar.

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