Hannover / Freitag

Hannover / Freitag

„So, wer will jetzt noch tan­zen gehen? Disco, Disco!“

Ich sitze als Gast in einer Han­no­ve­ra­ner Wohn­ge­mein­schaft, in wel­cher ich auch zu näch­ti­gen ge­den­ke. An­we­send sind zwei Damen, zwei Her­ren und ich. An der Wand hängt ein Che Gue­va­ra-​Pos­ter – sehr ein­falls­reich – auf dem Boden lie­gen leere Wein­fla­schen und in der Luft strei­ten sich Ha­schisch und Hund um die Ge­ruchs-​Ho­heit. Ge­fühl­te sie­ben Stun­den lang haben wir über Nich­tig­kei­ten, Unfug und deut­sche Musik dis­ku­tiert. Und jetzt sind vier Fünf­tel der Ge­sell­schaft be­reit für „Disco, Disco“. Ich nicht. So hocke ich als Op­po­si­ti­on auf dem Boden der stin­ken­den Tat­sa­chen. Hm, was ist denn da los? Ob ich müde sei, werde ich ge­fragt. Ja, auch. Und füge hinzu, dass ich eher so der Knei­pen­typ sei. Es rei­che mir, mich in einer Pinte neben einen Rent­ner zu set­zen und mir aus sei­nem Leben er­zäh­len zu las­sen.

Da wäre dann bei­spiels­wei­se ein han­no­ver­a­ni­scher Heinz, der sagen würde: „Frü­her, als ich noch jung war, da gab es noch keine Te­le­fo­ne, die klü­ger waren als ihre Be­sit­zer!“ und ich würde dar­auf sagen: „Ja, frü­her, als ich jung war, da gab es nur 150 Pokémon!“. So kämen wir ins Ge­spräch und unter dem Strich hätte ich dann mehr ge­lernt als beim stu­den­ti­schen Dau­er­zap­peln in der Disco. Doch diese Mei­nung ver­tre­te ich hier ex­klu­siv. Ohne, dass es je­mand aus­spricht, lie­gen die Be­grif­fe „Lang­wei­ler“ und „Spiel­ver­der­ber“ auf ihren Zun­gen; der stin­ken­de Hund tappst in einen Aschen­be­cher. Die Stim­mung rauscht end­gül­tig in den Kel­ler. Da könne man sich ja gleich einen Kas­ten bil­li­ges Bier kau­fen und sich neben die Pen­ner in der Fuß­gän­ger­zo­ne set­zen, merkt einer an.

Was ich zu­nächst für eine gute Idee halte. Lei­der ent­puppt sich die­ser sehr gute Vor­schlag rasch als lau­ni­ge An­mer­kung, deren ein­zi­ger erns­ter Sinn es ist, mich non­cha­lant einen „Lang­wei­ler“ oder „Spiel­ver­der­ber“ zu nen­nen.

Scha­de, dann eben „Disco, Disco“.

Auf dem Weg hin zum heute so nicht mehr ge­nann­ten Tanz­lo­kal müs­sen wir am Goe­the­platz vor­bei. Goe­the, kennt man viel­leicht. Eben­falls be­kannt: die Laune der La­den­be­sit­zer, ihre Buden nach ihrem Stand­ort zu be­nen­nen. Apo­the­ke am Thea­ter­platz, Thea­ter am Apo­the­ken­platz oder so. Aber was ich hier so zu lesen be­kom­me, lässt mich an vie­len, vie­len Din­gen zwei­feln. „Goe­the-​Ki­osk“, „Goe­the-​Im­biss“, „Goe­the-​Su­shi“, „Goe­the-​Ca­si­no“ und „Goe­the-​Shi­sha-​Bar“. Sag mal, Han­no­ver, geht es dir gut? – Ich glau­be nein. Aber wer mich zu ken­nen glaubt, weiß, dass ich der­art ku­rio­se Si­tua­tio­nen gerne zur ei­ge­nen Be­lus­ti­gung nutze. Ein Bier von Goe­the, das hätte Stil, denke ich mir. Also weise ich die Ge­sel­len und Ge­sel­lin­nen dar­auf hin, dass ich ge­den­ke, einen Zwi­schen­halt ein­zu­le­gen: „Haaalt, stop! Jetzt kaufe ich!“, sage ich, er­wer­be mir ein Goe­the-​Bier und es schmeckt.

Ich habe mein Ge­tränk erst zur Hälf­te weg­kon­su­miert, da er­rei­chen wir auch schon das laute Etwas na­mens Disco. An der Wand noch ein Pla­kat einer ver­gan­ge­nen Ü50-​Par­ty: „Ü50 – auch altes Eisen kann sich bie­gen“. Schnell fühle ich mich un­wohl und un­pas­send, aber auch über­rascht. Das hier ist nicht die Höhle des Löwen, son­dern der Kel­ler der Schlümp­fe. Alle sind blau, DJ Gar­ga­mel hält sie mit sei­nen mas­sen­taug­li­chen Kli­schee-​Rock­songs ge­fan­gen und alle sind auf der Suche nach ihrer ganz per­sön­li­chen Schlump­fi­ne. Und ich schlump­fe mich als müder, de­plat­zier­ter Bril­len­schlumpf durch das tan­zen­de Stu­den­ten­knäul. Dicke und dünne Beine rei­ben sich un­frei­wil­lig an mir, ich er­kämp­fe einen Platz auf einem Bar­ho­cker. Zwei­felnd und un­frei­wil­lig un­ter­hal­ten bli­cke ich auf die Tanz­flä­che. Eine Dame trägt ein grü­nes Kleid mit wei­ßen Punk­ten – und den­noch hat sie gute Laune. Wo bin ich hier? Zap­peln­de Hil­fi­ger­hem­den und -​ho­sen, schmie­rig ein­ge­ge­el­te Haare un­re­gel­mä­ßig hoch und run­ter sprin­gen­de Brüs­te (na gut, das ist okay!“ und fuch­teln­de Hand­be­we­gun­gen, für die sich jeder Pup­pen­spie­ler der Welt schä­men würde. Die glit­zern­de Dis­co­ku­gel dient als Son­nen­er­satz; hier strahlt heute kein Pla­net, son­dern all die jun­gen Leute, wenn DJ Gar­ga­mel einen alten Hit von Brit­ney Spears spielt. Ja, Brit­ney Spears, so stark wurde dank Al­ko­hol die Schmer­zens­gren­ze schon ver­scho­ben. Ich er­in­ne­re mich wie­der an Goe­the, der einst sagte: „Wo viel Licht ist, ist star­ker Schat­ten“. Stimmt. Dann läuft „Eter­nal Flame“ und die Kli­schee-​Pär­chen schmu­sen wild, die Sin­gles gehen auf Klo; ma­chen Pipi und Aa. Gute Güte, was ist hier los.

Ein Stu­den­ten­honk fliegt vor­bei. Er fragt mich, was ich denn stu­die­ren würde. Ich ant­wor­te: „Euch.“ Ist ihm zu sub­til, er fliegt davon. Zu­recht ver­ach­te ich ihn ein wenig.

Es ist vier Uhr in der Nacht, die coo­len Leute trin­ken Club Mate und an­de­re, hippe Ge­trän­ke. Über­haupt, diese gan­zen blö­den, hip­pen Ge­stal­ten sind hier ver­sam­melt. Diese Hips­ter, die sich ihre Lieb­lings­fern­seh­se­rie auf DVD kau­fen, um sie sich dann auf Vi­deo­kas­set­ten zu über­spie­len, weil das „true“ ist. „Pff, Hip­pies!“ denke ich und denke an ein Zitat eines Le­an­der Hauß­mann-​Films: Ich bin viel zu alt für mein Alter. Oder zu un­stu­den­tisch für Stu­den­ten­fe­ten. „Disco, Disco“ ist nicht meine Welt und wenn ich mich ihr doch hin­ge­be, bin ich das fünf­te Rei­fen am Bob­by­car und der un­ge­woll­te, letz­te Schluck am trau­ri­gen Boden einer Bier­fla­sche. Das merkt dann auch einer mei­ner Be­gleit­per­so­nen. Ich werde nach drau­ßen ge­zerrt und mir wird mit­ge­teilt, dass man die­sen Laden hier auch ver­las­sen könne.

Fast trös­tend wird mir ver­spro­chen: „Das nächs­te Mal , wenn du in Han­no­ver bist, kön­nen wir auch in eine Knei­pe gehen!“. Und ich sage so laut „Ja!“ wie man das zu die­ser Uhr­zeit noch sagen kann. Doch dann füge ich hinzu: „Aber ich gehe jetzt noch­mal rein.“ und mein Ge­gen­über fragt mich, wieso ich das denn vor hätte. Um zu stu­die­ren, sage ich. Um zu stu­die­ren.

(geschrieben am 10.10.2011)

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