Kein Platz zum Rofln

Kein Platz zum Rofln

Reiner Calmund ist sehr dick und isst sehr viel. In meiner WG geschieht sehr viel Lustiges, weil wir da hemmungslos saufen, kiffen und ficken. Polen klauen. Justin Bieber ist doof. Niemand wählt oder mag die FDP. Nicoles Kinder heißen Kevin, Jeremy-Pascal und dann noch drei Kevins. Angela Merkel ist hässlich und lacht nie. Meine Freundin ist so dumm, huijuijui. Die Liste könnte fortgeführt werden, wenn sie mich beim Schreiben nicht zum Weinen brächte. Selbst dem beiläufigen Beobachter wird aufgefallen sein, dass zwei Dinge auf all diese Sätze zutrifft: Sie sind nicht witzig. Und: Man hört sie häufig aus Mündern sogenannter ‚Comedians‘. Ein noch recht neues Wort, früher sagte man ‚Humorist‘. Uninteressant ist auch Folgendes: In meiner Tätigkeit als knallharter Hobby-Journalist las ich, dass sich in der DDR nur jene Humorist nennen durften, die die Prüfung einer offiziellen Zulassungskommission bestanden haben. Da sind wir gegenwärtig glücklicherweise und leider etwas freiheitlicher, aber das Problem ist gewiss nicht, dass jeder auf einer Bühne ach so Witziges erzählen darf, sondern, dass es die meisten Dödel auch noch reichlich uninspiriert tun.

Lange Zeit konnte ich mir nicht erklären, wie jemand in seinem Elfenbeintürmchen sitzen und sich denken könnte, dass das gnadenlose Abfeiern von Klischees, Stereotypen sowie Popkultur eine richtig töfte Sache wäre. In meinem Verständnis sind Künstler keine Kellner, die das Publikum zu bedienen haben, sondern Köche, die neue Gerichte erfinden und sich nicht darum scheren, ob die dem Gast dann auch schmecken. Bis mir auffiel: Vielleicht müssen viele Comedians auf Bühnen das erzählen, was sie erzählen, weil es funktioniert. Obwohl Mathematik ein fieser Geselle ist folgt ein Rechenbeispiel. Ein Comedian spielt in einer beliebigen deutschen Großstadt drei Tage lang sein Programm, eine Eintrittskarte kostet 35 Euro, zehntausend Zuschauer kommen jeweils. Summa summarum, jedoch nicht summa cum laude, haben der kleine Mann und die kleine Frau von der Straße dann für drei Abende voller zweit- und drittverwerteter Witze mehr als eine Million Euro bezahlt. Eine Million! Das waren 1929 einmal siebenhundertvierzehn Trillionen Reichsmark!

Lustigerweise sind diejenigen, die ihr Geld gerne für für die Pusteblumen der Kulturlandschaft bereitstellen, auch die, die sich mit ewig dickem Hals darüber beschweren, dass Peer Steinbrück für einen Vortrag an der Universität Bochum ein Zweihundertfünfzigstel dessen erhalten hat. Aber gut, er hat gewiss wenig Witze über Facebook, Tiefkühlcurrywurst oder Klaus Wowereit in sein Programm integriert, sondern nur über irgendwas referiert. ‚Irgendwas‘, gutes Stichwort: Nirgendwo war zu lesen, welches Thema sein Vortrag hatte! Also wird er auch keine 25.000 Euro wert gewesen sein! Grrr! Gut, zugegeben, nur sehr wenige Vorträge wären tatsächlich so viel Geld wert, aber die, die sich beschweren, müssten mal den erhobenen Zeigefinger herunternehmen und am eigene Näselein ansetzen.

Schließlich sind viele von ihnen ebenso derlei Menschenschlaginsgesicht, der seine Schuhe oder Bücher im Internet bestellt, weil das kleine Fachgeschäft um die Ecke zu teuer ist. Waaas?! Diese neue CD von Dings kostet bei ‚Musik Wuttke‘ fünfzig Cent mehr als bei Amazon? Da spare ich lieber, bis XY wieder in meine verschissene Stadt kommt und mir lustige Dinge zum Sichdrinwiederfinden erzählt, jawohl!, denkt sich wohl der Seltendenkende von heute. Ich persönlich bin deswegen gerne der Meinung, dass entweder dieses böse kapitalistische Marktwirtschaftsding mit Angebot und Nachfrage, oder wenigstens der Mensch an sich optimiert werden sollte. Doch all das würde nun zu weit führen. Vielleicht wendet sich mein jugendlich-naiver Idealismus ja noch zum Guten und ich füge mich, wir werden sehen.

Und möglicherweise klingt dieser Text nun viel zu oberlehrerhaft, als wäre ich ein besserer Künstler oder auch nur Zuschauer, als hätte ich den guten Geschmack allein für mich gepachtet wie ein Irrer, dem das plumpe Zufriedensein mit sich selbst als Sinn des Lebens nicht genüge. Überhaupt, ist Kunst nicht Geschmackssache, du neidischer Heini? Soll nicht jeder nach eigenem Gusto hören, sehen, gucken, fühlen, schmecken dürfen? Ja, doch. Dennoch möchte ich hiermit mein patziges „Trotzdem!“ in die Welt tröten, so wie ein untalentierter Straßenmusiker, der nimmermüde seinen Gitarrenkoffer für das Nachsingen von im Radio totgedudelten Gassenhauern aufhält. (Hier gilt übrigens das Motto: Nicht nur Fernsehsendungen, sondern auch Musikstücke können ein Straßenfeger sein, doch das tut nichts zur Sache und wird hier nur versehentlich erwähnt.)

Vielleicht diskreditiere ich mich selbst mit dem Frevel, beurteilen zu wollen, worüber man sich denn bitte schön zu amüsieren hätte. Doch diese kleine DDR in meinem Kopf resultiert mitnichten aus falscher Arroganz, sondern – Achtung, unangebrachter Kitsch – aus meiner ehrlichen Sorge um das intelligente Lachen, die vielleicht schönste Körperreaktion der Welt. Gut, vielleicht ist sie nur die zweitschönste, aber das soll jeder für sich selbst entscheiden, ich möchte meinen Ruf als Diktator innerhalb dieses Textes nicht überstrapazieren.

Konsumentenfreundlich fasse ich zusammen: Wer über Doofes lacht, lacht zwar immerhin, ist aber immer noch doof.  Doch trotz meiner insgesamt fast achthundert Worte bleibt wahrscheinlich alles so, wie es ist. Und das wäre wieder einmal nicht so wirklich witzig.

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