Ohne Titel

Ohne Titel

Ein Mann saß an der Theke und nippte an seinem Bier. Eine Frau kam vorbei und sagte: „Guten Tach, ich beobachte Sie schon den ganzen Abend und finde Sie gut. Wollen Sie mich heiraten?“ Der Mann guckte sich die Frau kritisch an und sagte: „Na gut!“ Am nächsten Tag standen sie vor dem Standesamt, tauschten das Du, Telefonnummern und Ja-Wort aus. Die Flitterwochen verbrachten sie in einem Gasthaus, das ihnen von gemeinsamen Bekannten empfohlen worden war. Dort entstand aus Versehen ein Kind. Sie nannten es Bernd, obwohl sie es sehr liebten. Bernd entwickelte sich ganz normal im Sinne einer funktionierenden Gesellschaft.

Dreißig Jahre später saß Bernd in einem angesagten Szenebezirkrestaurant und nippte an seiner Weinschorle. Eine Frau kam vorbei und sagte: „Guten Tach, ich finde dich geil, wollen wir zu mir nach Hause und du poppst mich mal ordentlich durch?“ Bernd guckte sie sich genüsslich an. Dann erklärte er ihr, dass er leider gläubiger Christ sei und deswegen Sex vor der Ehe ablehne. Am nächsten Tag standen sie vor dem Standesamt und gaben sich das Ja-Wort. In den Flitterwochen poppte er sie ordentlich durch und so kam es, wie es kommen musste: Ei der Daus, er machte ihr ein Kind. Versandkostenfrei, so ist es Brauch, kam es Monate später aus dem Bauch. (Hier habe ich einen Reim eingebaut, damit auch Lyrik-Fans Gefallen an dieser kleinen Nacherzählung finden.) Sie gaben ihm einen biblischen Namen, sie tauften ihn auf den Namen Psalm 17.

Acht Jahre später saß Psalm 17 auf einer Schaukel und nippte an seiner Zitronenlimonade. Ein Trenchcoat kam vorbei und sagte: „Guten Tach, ich beobachte dich schon den ganzen Nachmittag, ist deine Mutter in der Nähe?“ Der Filius guckte sich ihn argwönisch an und sagte: „Ja, da.“ Er zeigte auf eine zufällige Frau am Rande des Spielplatzes, um Unheil zu verhindern. Es misslang ihm. Denn am nächsten Tag standen der Trenchcoat und die zufällige Frau vor dem Standesamt, tauschten das Ja-Wort aus, fuhren in die Flitterwochen, es kam natürlich ein Kind auf die Welt, es war ein Mädchen und wurde Jahre später zu einer ordentlichen Schlampe.

Sie bumste sich durch die 9a, 9b, 9c und Tischtennis-AG der Ernst-Kuzorra-Gesamtschule und bereute nichts. Sie vertraute ausschließlich auf ihren Körper und vernachlässigte ihren Geist. Vollkommen zurecht blieb die dumme Kuh sitzen. Sie atmete den Duft der Perspektivlosigkeit ein, der das modrige Klassenzimmer umgab. Ihr Vertrauenslehrer kam vorbei und sagte: „Guten Tach, ich verfolge deine mangelhaften Leistungen schon seit geraumer Zeit.“ „Ja“, sagte das Mädchen, „ich habe Probleme in vier Fächern: Deutsch, Physik und Mathematik.“ Pflichtbewusst versorgte der Lehrer das Mädchen mit Bildung. Es wurde zusehens klüger, größer, älter und eines Abends auch durstig und so sitzt sie nun cocktailnippend in einer Kneipe. Der aufmerksame Zuhörer hat es bereits herausgehört: Wir sind inzwischen im Präsens angekommen.

Ein Mann setzt sich neben sie. Äußerlich ist er nicht gelungen, doch seine inneren Werte sind sehr gut. Er macht ihr ehrliche Komplimente und sie diskutieren angeregt über das aktuelle Weltgeschehen und Sportergebnisse. Es passt, auch ihr Musikgeschmack ist gleich, sie hören beide am liebsten „querbeet“. Es wird immer später, der Wirt spielt als Rausschmeißer ein lustiges Lied über Besteck. Der Mann und die Frau hatten einen prima Abend, heidewitzka, war das ein prima Abend, da sind sie sich einig. Dennoch bleibt es bei einem guten Gespräch, beide gehen alleine nach Hause; keine Hochzeit, keine Flitterwochen, noch nicht einmal ein Kind. Der Kreislauf endet an dieser Stelle.

Nun, was lehrt uns diese Geschichte? Karikiert sie clever die stupiden, aber leider oft erfolgreichen Anbaggerungsversuche einiger Pfeifen? Hatte die Geschichte das Sprichwort „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ als Vorbild? Oder war dies bloß eine alberne Abfolge unwahrscheinlicher Ereignisse? Eine Mischung aus alledem. Vor allem aber ist dies eine Ode an den Zufall, an Spontanität, ans Machen. Viele Leute sind unzufrieden, verbringen aber einen Großteil der Freizeit damit, ihre Sofas und Sessel vollzupusen. Das finde ich nicht gut. Und so empfehle ich jedem, rauszugehen, sich Konzerte und Kleinkunstveranstaltungen anzusehen, mal in der Kneipe ein Bierchen zu trinken oder generell irgendwelche neuen Leute kennzulernen. Man muss ja nicht immer gleich heiraten.

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