Was weißt du denn schon von Liebe, hast du überhaupt schon mal gefickt?

Was weißt du denn schon von Liebe, hast du überhaupt schon mal gefickt?

„Tach. Mein Name ist Johannes und alles ist Scheiße.“

Das muss reichen. Ich setze mich wieder auf meine vier Buchstaben. Nach und nach stellen sich auch die anderen Deprimierten vor. Für kaum eine ihrer Geschichten habe ich Verständnis oder gar Mitleid; es war vielleicht keine ganz so kluge Idee, sich bei den anonymen Romantikern anzumelden. Acht verliebte Versager sitzen in einem Kreis, der eher einem Ei ähnelt, doch selbst für diese Vorstellung braucht man noch Fantasie. Aber von der haben manche hier offensichtlich mehr als genug. Rüdiger, 37, erzählt: „Meine Frau und ich, wir machen seit sieben Jahren, fünf Monaten und drei Tagen Beziehungspause und ich warte darauf, dass sie sich meldet. Vielleicht hat sie ja meine Nummer verlegt oder lag jahrelang im Wachkoma oder sie wurde entführt oder geköpft, man weiß ja nie, also warte ich weiter, denn ich liebe sie.“ Er ist ein bisschen irre, hoffnungslos romantisch, aber vor allem: hoffnungslos. Ich bewundere und verachte seinen Zweckoptimismus.

„Tja, Liebe macht eben manchmal blind“, sagt der Moderator dieser Veranstaltung, was Besseres fiel ihm wohl nicht ein. Nach mir ist er der jüngste hier, er sieht fesch aus. Flanellhemd, cooler Scheitel. Vermutlich wollte er ursprünglich irgendwas mit Medien machen. Hat leider nicht geklappt. Willkommen in der Runde. Ich hasse ihn jetzt schon. Der nächste erzählt: „Mein Name ist Walter und da ist dieses Mädchen, Marie, sie hat mir damals, 1970, im Kindergarten immer so zugelächelt und ich weiß, eigentlich nur ein harmloses Kinderlächeln, aber da war mehr in ihren Augen, mehr! Wir sind füreinander bestimmt und ich suche sie immer noch, ich will nur Marie!“ Das überrascht selbst den Moderatoren, sein Mund steht einige Sekunden offen wie das berühmte Scheunentor. Tja, jetzt macht er eben irgendwas mit Idioten.

Zwei Männer fangen spontan hemmungslos an zu weinen, als dann jemand zitternd eine typische „Sie hat mich für einen Anderen verlassen“-Geschichte vorträgt. Immerhin ist bei euch jemand schuld, das macht’s einfacher, denke ich. Es wird eine Taschentuch-Box herumgereicht und weggeschnieft. Ein wenig Erleichterung liegt in der Luft, „ja, weint ruhig, lasst es raus!“, lautet der Tenor. Das ist glaube ich auch der eigentliche Sinn dieser obskuren Sitzrunden: Man stellt fest, dass es Anderen mindestens genauso scheiße geht wie einem selbst und dadurch fühlt man sich besser. Paradox. Jeder muss da mal durch, das gehört zum Reifeprozess, sagt der Moderator. Ich frage nach: Warum? „So ist das Leben“, bekomme ich als Antwort. Merde und Merci. Dann ist das Leben nicht so dufte, aber die Alternativen sind noch viel schlechter. Ich werfe die Frage in die Runde, ob man, wenn man kurz vor seinem Tod zum Buddhisten wird, noch in den Genuss einer sehr guten Wiedergeburt kommt. Als Delfin leben wäre klasse; frei im Meer rumschwimmen und schnattern und springen, sorglos. Und dass Delfine schlau sind, zeigt allein, dass sie keine Treffen wie diese hier abhalten. Walter sagt: „Ja, gute Frage, aber ich weiß nicht, ob das wirklich was bringt. Was soll meine Marie denn mit einem Delfin?!“

Nein, das reicht. Unter dem Vorwand, ich müsste auf die Toilette, verlasse ich das Ei der Hoffnungslosen. Romantik und an die eine, große Liebe glauben: ja. Aber so wie die bin ich dann doch nicht, rede ich mir ein. „Geh nur“, sagt Rüdiger, „wir warten dann hier auf dich.“ Aber mindestens sieben Jahre, denke ich. Adieu und noch viel Glück mit dem Pech, Kollegen.

Auf dem Weg nach draußen komme ich dann tatsächlich an der Toilette vorbei. Am Eingang sitzt ein älterer Herr im weißen Anzug vor einem Teller, der viel zu groß ist für die kleine, einsame Fünfzig-Cent-Münze darauf.

„Na, Kleiner, musste mal? Haha! Delfin müsste man sein, die pinkeln einfach ins Meer.“

Jetzt wird es interessant, denke ich und sage: „Nein, nein, ich flüchte. Ich hab keinen Bock mehr auf die deprimierten Idioten da drinnen.“

„Tja, da biste aber jetzt beim nächsten gelandet. Sieh mich mal an, was ich hier für einen verdammten Job machen muss. Mein Enkel hat mir den vermittelt, der wollte eigentlich ins Fernsehen und leitet dahinten jetzt so einen Kurs über Liebe.“

„Bestimmt ein netter Kerl“, sage ich.

„Ja, ja.“, er nickt. „Aber da du hier bist, dir scheint’s auch nicht gut zu gehen, was isn los? Vielleicht kann dir der greise Kloputzer ja helfen, haha!“

Ich erzähle ihm meine Geschichte.

„Uff, ja, scheiße. Weißt du, in solchen Situationen ist es schwierig, ohne Floskeln auszukommen. Wirste da drinnen ja gemerkt haben. Aber auch, wenn ich hier nur die Scheiße der Leute wegwische, lass mich dir sagen: Die Liebe geht nicht, aber sie torkelt manchmal ein bisschen. Wenn sie die Richtige ist, dann biegt sich das schon wieder. Kopp hoch! Mehr kannste nich tun.“

„Danke“, sage ich und verlasse das Gebäude wohl als Einziger erhobenen Hauptes.

 

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