Zwei Dutzend Steppenläufer im Novemberwind

Zwei Dutzend Steppenläufer im Novemberwind

Ob es mein Ernst gewesen wäre, nackt und Horst-Wessel-Lied singend mit Kreide den Propheten auf den Parkplatz gemalt zu haben, frug mich die Polizistin. Nein, antwortete ich wahrheitsgemäß, das war Satire. Ich wäre Künstler und hätte nur meinen Job getan. Die Zeiten wären schwierig und ich müsste jeden Auftrag annehmen, auch wenn es nur mein eigener wäre und man dann davon schlecht leben könnte, weil man stets auf plusminus null kommt. Auch merkte ich keck an, dass das dreizackige Gemächt des Propheten einen immensen metaphorischen, gesellschaftskritischen Wert hätte; ich zwinkerte lässig. Man begann, mich zu verstehen. Kunst sei sehr wichtig, sagte die Polizistin mit einer feinen, fast dünnen Stimme, dennoch müsste ich mit aufs Polizeirevier. Verhör. Fürs Protokoll. Vorschrift, Vorschrift. Okidoki, sagte ich und stieg unbekleidet in ihren Dienstwagen. Er hatte vier Reifen.

Die Polizistin sah nicht nur für eine Polizistin sehr gut aus, sie tat es auch für eine Frau, was nicht abwertend gegenüber Frauen klingen soll, sondern nur betonen mag, wie wählerisch ich dufter Typ denn bin. Auf der Fahrt hoffte und überlegte ich, ob ich auf der Wache unverbindlich zum Koitus eingeladen werden würde, man hört ja so vieles derzeit. Ich beschloss, mich ein wenig anzunähern. Zwanglos und klassisch begann ich ein Gespräch mit ihr, ich bin trotz meines vergleichsweise jungen Alters ein Filou der alten Schule. „Na, und? Wie hat Ihnen mein Gemälde gefallen? Haben Sie sich den Propheten so vorgestellt?“, stieg ich locker ein. „Ich mache mir nichts aus Religion“, antwortete sie erschütternd trocken und abweisend nach zwei, drei spannenden Momenten der Stille. Um nicht weiter unnötig viel Kraft mit meinen pfiffigen Annäherungsversuchen zu verschwenden, frug ich ganz locker aus der Lende heraus nach, ob sie denn vorhabe, mich später unverbindlich zum Koitus einzuladen. „Nein, nein!“, sagte sie sehr bestimmt und flink, aber ihr gefiele die Formulierung. „Danke, aber ich habe mit dem Ausdenken lediglich meinen Job getan“, sagte ich und schenkte sie ihr. Wie gesagt, Filou, alte Schule, knickknack. Den Rest der Fahrt schwiegen wir so gut, wie nur zwei sehr gute Freunde es können.

Nach etwa diversen Minuten erreichten wir dann erstaunlicherweise die Polizeiwache. „Ist er das?“, wollte ein über alle Maßen korpulenter Polizeiwachenmann wissen. Meine Nachfrage, ob denn heute noch mehr Menschen nackt Parkplätze beschmiert hätten und weitere Gestalten meiner Couleur erwartet würden, blieb leider unbeantwortet. Man führte mich in einen sehr dunklen Raum, der sich aber erleuchtete, als jemand den Lichtschalter betätigte. Seufzend verließ die Polizistin die Szenerie und ließ mich zurück. Auf einem Stuhl nahm ich Platz und sah in die müden Augen des dicken Polizisten.

„Sie haben also das Horst-Wessel-Lied gesungen und mit Kreide den Propheten auf einen Parkplatz gemalt?“

„Korrekt. Außerdem war ich dabei nackt.“

In meinen Stolz hinein erklärte er mir, dass das Singen von Nazi-Liedern gerade in Verbindung mit Nudismus und schwierigen religiösen Themen in Deutschland nicht gestattet wäre. Ich zeigte mich ehrlich überrascht und führte charmant aus, dass es mein Auftraggeber, also ich, so gewünscht hätte und Kunst und Satirefreiheit und so weiter. Ob ich heute schon irgendwelche Drogen genommen hätte, frug er mich. Ich lehnte dankend ab. Zu groß war meine Angst davor, von ihm unverbindlich zum Koi… – Verzeihung, diese Formulierung hatte ich verschenkt, also, anders, zu groß war meine Angst vor einem flotten Fick mit dem für meinen Geschmack viel zu Fetten.

Stattdessen plauderten wir entspannt über Satire und was die so dürfte. Alles, sagte ich, weil Tucholsky das auch mal sagte. Provokation ohne tiefere Meta-Ebene ist ganz schön gequirlter Hunde-Aa, sagte der Polizeimann und notierte sich irgendetwas in sein Notizbuch und wirkte dabei, als würde er alsbald einschlafen, was ich als persönliche Beleidigung aufnahm. Dann wuchtete er seinen Kopf im Kampf gegen seinen alten Feind Schwerkraft zurück nach oben.

„Sie haben die Wahl. Entweder, Sie dürfen sich auf einen kleinen Gerichtsprozess einstellen. Denn das sind hier ganz schön viele Paragraphen, gegen die Sie verstoßen haben. Oder aber, ich leite in die Wege, dass sie in Bälde eine psychiatrische Klinik von innen kennenlernen. Denn selbst wenn da bei Ihnen noch Tassen im Schrank sind: teures Porzellan ist das ganz sicher nicht, höhö, na ja. Wofür entscheiden Sie sich?“

Dass der Tag doch noch so aufregend werden würde, hatte ich nicht geahnt. Aber das tut man ja nie. Ich hakte nach: „Was empfehlen Sie mir? Sie sind der Fachmann.“ Er zog eine Augenbraue hoch, was sehr cool aussah. „Ich persönlich würde Ihnen zum Irrenhaus raten, da sind mehr Gestalten Ihrer Couleur.“ „Ach, da sind die!“, jubelte ich auf und willigte ein. Morgen dann geht es los. Bis dahin ziehe ich mir lieber noch etwas an.

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